raus aus dem alter

  Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch

http://myblog.de/dood

Gratis bloggen bei
myblog.de





Gruppengewäsch

Der Neueinstieg in eine bestehende Gruppe, ob er nun gewollt ist oder auferlegt, birgt immer auch die Notwendigkeiten, ein bisschen sich selbst zu verraten und gleichzeitig Verräter zu schützen. Man muss nett genug sein, um überhaupt erst Einlass in die Gruppe zu bekommen und abweisend genug, um später nicht der signalisierten Nettigkeit wegen denunziert oder gar ausgenutzt zu werden. Am Anfang hängen sich die Gruppenarschlöcher an einen, in der Hoffnung, ihre Position wenn nicht zu stärken, so doch zumindest besser zu legitimieren. Die Gruppenführer können sich derweil entspannt zurücklehnen und zusehen, wie der Neueinsteiger diese ersten Hürden nimmt, sie können genießen, wie er sich stärker offenbaren muss als es ihm lieb ist, und abwägen, ob sie ihm ihre weitere Aufmerksamkeit schenken wollen oder ob sie ihn, um nun der Gruppe weitere Arschlöcher zu ersparen oder aus weitsichtiger Sorge um die eigene Position, frühzeitig untergraben werden.

Mein erster Tag lief gut. Ich hatte Andrea kennen gelernt, das Gruppenarschloch, Giorgio, den dicklichen Charlie-Brown-Verschnitt mit den Knopfaugen und etwas belustigenden Gruppenführerambitionen und Emanuele – den tatsächlichen Anführer, einen dürren Typen mit der Ausstrahlung eines klamaukfreien Roberto Benigni. In den folgenden Tagen kam noch Pasquale dazu, ein sich ständig an Emanuele schmusender und Giorgio damit immer wieder zu eifersüchtiger Raserei treibender Nachbarsjunge-Typ. Giorgio und Pasquale vertrugen sich nur in jenen Situation gut, in denen die beiden gemeinsame, aber nicht ganz ernst zu nehmende Putschversuche gegen Emanuele durchführten – und, wenn alle drei sich als Triumvirat fühlten und Andrea, das Gruppenarschloch, niedermachten. Anfangs hielt ich es für Pech, dass Andrea etwas Deutsch sprach und deshalb stärker als ein gewöhnliches Gruppenarschloch meine Nähe suchte, aber bald stellte es sich als Glück heraus, denn er war, wie jedes Gruppenarschloch, dienlich, mich gut aussehen zu lassen und in die Gruppe einzuführen und verließ dann sehr bald die Gruppe wegen eines längeren Aufenthaltes in Portugal, was mir jene ungerechte Phase ersparte, in der ich ebenfalls hätte anfangen müssen, ihn seiner ängstlichen Körpersprache und Sprechweise wegen der Lächerlichkeit preiszugeben und dabei den traurigen Blick eines enttäuschten Köters ertragen zu müssen. Bald also akzeptierten mich Emanuele als einen temporär Seinesgleichen, Giorgio und Pasquale als einen von Emanuele Akzeptierten. Und alle ließen wir uns über die Erbärmlichkeit eines Andrea aus, der mir seiner Abwesenheit wegen nicht einmal leid tun musste. Als Andrea mich in den ersten Tagen mit den unglücklich gewählten Worten „Willst Du mit mir gehen…?“ auf einen Kaffee einladen wollte, entschied sich für mich endgültig, dass ich nicht meine dünne Reputation zur Stärkung der seinen aufgeben würde – auch wenn ich ohnehin nur ein temporäres Gruppenmitglied sein würde. Irgendwie ist ein Gruppenmitglied sowieso immer ein temporäres, da sollte man sich nichts vormachen. Am Ende steht man immer allein mit sich da und muss auch nur vor sich allein verantworten, wen man weshalb und wie ans Messer der psychologischen Hirnverbranntheiten geliefert hat. Zum Moralphilosophen bin ich jedenfalls nicht geboren - mir ist nur wichtig, nicht das Gruppenarschloch zu sein.

Als ich meinen Grundwehrdienst abzuleisten hatte, steckten sie mich wie jeden anderen für eine 2-monatige „Grundausbildung“ in eine ca. 30-köpfige Gruppe, die, das imponiert mir heute noch, mittels psychologischen Druckes durch die einzelnen Führer, innerhalb weniger Tage zu einem einigermaßen funktionierenden, sich miteinander identifizierenden und sogar füreinander einstehenden Zug formieren ließ. Es gibt für mich keinen Zweifel mehr, dass mit dem entsprechenden Führungsstil, der die entsprechenden Notwendigkeiten suggerieren muss, jede Gruppe zu jeder Tat bewegt werden kann und sogar die Verarbeitung der Taten durch die einzelnen Mitglieder auch nach dem Zerfall der Gruppe verhindert werden kann. Selbstverständlich gab es auch hier ein Gruppenarschloch: Kanonier Dürrkoop. Der arme Junge, dessen grobmotorischen Fähigkeiten, man mag es glauben oder nicht, leider nicht einmal zum Schlagen eines Purzelbaums ausreichend ausgebildet waren, las, und damit hatte er vom ersten Tag an auf ganzer Linie verloren, Konsalik-Romane. Während Dürrkoop also, sich wie ein Vollidiot bewegend, von Liebe unter Palmen tagträumte, instrumentalisierten die Fahnenjunker Müller und Quellmann ihn zum Bindeglied für die Gruppe: Kanonier Dürrkoop, führen se ma soldatisches Gleiten vor! Nochmaaaaal! Und jetzt nochmaaaaal! Können se nich gleiten, Dürrkoop? Denn machen se eben ne Pirouette. Sehen se, so is schön. Und spreizen se das kleene Fingerchen ab, Dürrkoop. Hat ma eener nen Rock für die Kanonierin? Nachdem allerdings die Versuche, eine erste, schnelle Gruppenidentität mittels der Schaffung einer gemeinsamen Gelächterfigur zu kreieren, Früchte trugen, gingen die Ausbilder zur gegenteiligen Position über und bestraften jene, die beim Auslachen Dürrkoops erwischt wurden. Die frisch mit einer Identität versehene Gruppe verliert allerdings, wie man vielleicht zu denken versucht ist, dadurch nicht selbige, sondern das Küken Gruppe wächst sich aus zum Hahn und beginnt, stolz auf dem Exerzierplatz auf- und abzumarschieren. Reibereien zwischen Gruppenmitgliedern erreichen keine die Gruppe gefährdende Tiefe mehr und die Armee verfügt theoretisch über einen neuen Kampfverband – der jetzt nur noch lernen muss zu kämpfen. Und man selbst sitzt inmitten dieses erprobten Menschenversuchs und weiß, dass man mit jedem Wort und jeder Handlung die Entwicklung in die gewünschte Richtung mittreibt und kann sich nur dafür oder dagegen entscheiden. Sich dafür zu entscheiden, bedeutet letztlich nichts. Sich dagegen zu entscheiden, bedeutet nicht wirklich teilzuhaben. Und vielleicht bedeutet es auch, das Zeug zum Schriftsteller zu haben; von der Notwendigkeit eines Talents mal ganz abgesehen.
19.3.08 09:06
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung