raus aus dem alter

  Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch

http://myblog.de/dood

Gratis bloggen bei
myblog.de





Ruth

Endlich weiß ich, warum ich Ruth nicht nahe kommen konnte. Die ganze Zeit über, als sie mit mir am Hafen saß in Lindau und ihr zu hellblau geratenes Kleid bedächtig auf Bedeckung ihrer Knie überprüfte, befahl mir mein Kopf, ihr näher zu rücken und unsere Blicke auf den See einander gleich und gleicher werden zu lassen und dennoch - konnte ich es nicht. Wir saßen über einen Meter auseinander und ich sehnte mich nach ihrer Haut und wollte ihren Geruch erobern, aber etwas hielt und hielt mich zurück und es war keine Angst, nicht die Furcht vor Zurückweisung oder vor herausgenommenen Schwachheiten, es war und wäre heute wieder die Gewissheit, ihre Leichtigkeit und Reinheit nicht hinnehmen zu können. Ohne es wirklich ausdenken zu können, ließ ich mich von dem unbestimmten Gefühl hemmen, dass ich, passte ich nur einen winzigen Moment nicht auf mich und die sorgfältige Abwägung jedes meinem Mund entfliehenden Wortes auf, ihr mit nüchternster Sachlichkeit das Weltbild zu zerhämmern versuchen würde. Was war ich für ein festgeschnürter Kahn.

Der Graben, und ich zweifle nicht einmal daran, dass wir beide ihn gern überwunden hätten, zog sich auch durch unsere sich erst in ihrer Bildung befindliche Gesprächskultur. Ich verweigerte mich weitsichtig jeglicher thematischen Ernsthaftigkeit und meisterte dabei, das darf ich mir anrechnen, den schmalen Grad, der mich in die Peinlichkeit eines Kaspers hätte fallen lassen wollen. Intelligent und zeitweise sogar extrovertiert mimte ich mich schlängelnd durch das verminte Gebiet zwischen uns, dabei aber nicht – darum konnte es nicht gehen – direkt auf sie zu, sondern vielmehr um sie herum und über sie und unter ihr hinweg; Deshalb behielt unser Treffen und auch unsere weiterhin stattfindende Kommunikation auch stets jenen Spielcharakter, den man leichtfüßig und sogar unbeschwert nennen dürfte, der aber dennoch eine Heuchelei meinerseits war und blieb. Ich bin nicht unbeschwert, ganz und gar nicht. Ich bin ein ambossenes Herz.

Einmal wurde ich während unserer Stunden aber auch schwach. Als dann nämlich, nachts, ihr Kleid nicht länger die Knie bedeckte und auch körperaufwärts der Offenbarung dienlich wurde, wollte ich den uns schützenden, vielmehr mich schützenden Graben doch überwinden und ihres Odeurs habhaft werden, ihrer Wärme anheim fallen, ihrer Bisse Opfer sein. Wir lagen im Dunkel, stoisch auf den Rücken, aus Platzmangel nah beieinander, und erwarteten den Schlaf, wobei ihre Geduld einer wesentlich kleineren Bewährungsprobe ausgesetzt war als meine. Erst als ihr Atem längst lang geworden war und ihrem Rachen leise, biberhafte Entspannungslaute entfuhren, senkte sich mein einsames Glied wieder auf die Bauchdecke ab und ermöglichte es mir, mich auf mich zurückzuziehen: In die Umnachtung, in den Schlaf.
4.3.08 14:58
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung